Eine Momentaufnahme zu „Kaisers Zeiten“. Das Foto schwarz-weiß. Im Hintergrund mittig das Hauptgebäude von Stift Keppel.
An dessen rechter Seite ein Eingangsvorbau, der eine Etage darüber als großzügiger Balkon genutzt wird. Die Seufzerbrücke ist noch nicht vorhanden, eine bauliche Verbindung zum heute nicht mehr vorhandenen Nachbargebäude besteht nicht. Dort, wo heute die Brücke in den Flur vor Sekretariat, Schulleitung und Lehrerzimmer übergeht, befindet sich zu dieser Zeit ein großes Fenster, das dem Stil nach den großen und aufwändigen Sprossenfenstern über den Portalen entspricht.
An der Stelle, an der heute die Wappenhalle den Haupteingang des Schulgebäudes darstellt, zeigt das Foto einen, den Hauptgebäuden entsprechenden Bau mit zwei Vollgeschossen und einem Mansarddach, das eine dritte Etage mit nahezu gleicher Deckenhöhe beinhaltete. Im Vergleich zu den beiden anderen Gebäuden wirkt es etwas einfacher, weist nicht den für Keppel typischen „Siegerländer Barocktypus“ auf. Die Vorfläche, heute eine mit einer Hecke eingefasste Grünfläche, ist hier noch mit einem schmucken, schmiedeeisernen Zaun eingehegt.
Es ist Sommer. In verschiedenen Etagen, vor allem unter dem Dach, sieht man weit aufgerissene Fenster, um Durchzug zu generieren. Mittig, vor dem Hauptgebäude, stehen drei Damen, vermutlich den Erzieherinnen zuzurechnen, die in Richtung des Fotoapparates blicken. Links von ihnen, in der Mitte der linken Bildhälfte, fassen sich drei adrett gekleidete Schülerinnen an den Händen und tanzen möglicherweise Reigen.
Insgesamt wird ein Eindruck vermittelt, der von wohlgeordneten Verhältnissen und so artigen Mädchen zeugt, dass sich unweigerlich die Frage aufdrängt, ob es sich um eine gestellte Szene handelt!?
Alles, was wir mit Sicherheit sagen können, ist, dass das Foto aus dem Besitz einer ehemaligen Lehrerin stammt und wohl zwischen 1903 und 1906 aufgenommen worden sein muss. Es ist Teil einer umfangreicheren Sammlung, die dem Stiftsarchiv übereignet wurde. Aus historischer Sicht sind die Aufnahmen von nicht geringem Wert, da sie doch die baulichen Verhältnisse und das alltägliche Leben und Treiben auf dem Stiftsgelände vor gut 120 Jahren veranschaulichen.
Die Sammlung der Aufnahmen stammt von Magda Kaysselitz (oder: Keysselitz), geb. Grohmann. Als Hilfslehrerin in den Fächern Handarbeit und Turnen nahm sie zum 21. September 1903 ihren Dienst auf. Sie versah ihn knapp drei Jahre, bis zum 3. August 1906. Im Vergleich zur Dienstzeit manch anderer Lehrerin handelte es sich um eine relativ kurze Dauer, die sich aber leicht erklären lässt: Verheiratet war sie mit dem Regierungsbaumeister Keysselitz, der mit der Errichtung des neuen Schulflügels beauftragt worden war. Wilhelm Hartnack gibt in seiner „Geschichte des Stiftes Keppel“ (Band I, 1963, S. 310) an, dass für diesen Gebäudetrakt sowie einen neu zu errichtenden Mittelbau immerhin die stolze Summe von 250.000 Mark bereitgestellt wurde. 1903 wurde die Bautätigkeit aufgenommen, 1906 war sie abgeschlossen. Magda Keysselitz war also für die Dauer als Hilfslehrerin in Stift Keppel tätig, in der ihr Mann mit dem Bauvorhaben vor Ort beschäftigt war. Später war er mit Bauvorhaben in Köln betraut, bevor das Paar nach Berlin zog. Das Zentralblatt der Bauverwaltung, das im Ministerium der öffentlichen Arbeiten herausgegeben wurde, teilte am 23. Juni 1917, also gegen Ende des ersten Weltkriegs, mit: Seine Majestät der König haben Allergnädigst geruht, […] den Regierungs- und Baurat Keysselitz in Berlin zum Geheimen Baurat und Vortragenden Rat im Ministerium für Handel und Gewerbe zu ernennen.
Aus Berlin erhielt das Stiftsarchiv auch die Sammlung von Magda Keysselitz. Der Aufenthalt des Ehepaares Keysselitz in Keppel war nur von vergleichsweise kurzer Dauer, dafür aber von umso größerer Auswirkung: Der Regierungsbaurat trug ganz wesentlich zur baulichen Weiterentwicklung des Stifts bei, seine Gattin hat mit der Schenkung ihrer Fotosammlung zahlreiche Eindrücke hinterlassen, die im Rahmen einer Projektarbeit vielleicht einmal für eine Ausstellung aufbereitet werden können. Interessierte Schülerinnen und Schüler können sich gerne an Herrn Dr. Galle wenden.