Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Genau das zeigt Sophie Hoppe (EF) mir ihrem herausragenden Essay zum Thema Freiheit und Selbstbestimmung.
Beim Bundes- und Landeswettbewerb Philosophischer Essay 2025/2026 erreichte sie einen großartigen 3. Platz und qualifizierte sich damit für die Philosophische Winterakademie in Münster.
Herzlichen Glückwunsch, liebe Sophie!
Hier lest ihr Sophias Essay:
„Der fundamentale Akt der Freiheit ist der des Verzichtes auf Unterjochung eines Unterjochbaren.“ (Robert Spaemann, zitiert nach: Handbuch Philosophischer Grundbegriffe, Hg. von Hermann Krings, Hans Baumgartner und Christoph Wild; München: Kösel, 1973, S.968). Mit dieser Formulierung stellt der Philosoph eine der zentralsten Fragen der Philosophie in ein ganz anderes Licht. Was bedeutet es frei zu sein und wann ist man frei? Diese Fragen sind äußerst wichtig, da die Frage nach der Freiheit jeden Menschen betrifft. Ohne Freiheit kann ein Mensch weder moralisch handeln noch Verantwortung übernehmen. Aber was ist Freiheit und Unterjochung eigentlich? Der Begriff „Unterjochung“ ist heute kein Alltagswort mehr. Darunter versteht man die bewusste Unterwerfung oder Beherrschung eines anderen Menschen. Wer unterjocht, gebraucht seine Freiheit und Macht, um anderen seinen eigenen Willen aufzuzwingen. Wenn man mittels seiner eigenen Freiheit und Macht jemanden unterjocht, missbraucht man seine eigene Freiheit, um anderen Menschen ihre Freiheit bewusst zu entziehen und sie dazu zu zwingen, einem zu gehorchen. Bei der Frage „Was ist Freiheit?“ wird in der Philosophie zwischen zwei unterschiedlichen Formen der Freiheit differenziert, und zwar zwischen der positiven und der negativen Freiheit nach Isaiah Berlin. Negative Freiheit bedeutet, dass man nur frei ist, wenn man frei von äußeren Zwängen, wie zum Beispiel Gesetzen, Regeln oder Unterdrückungen ist. Es bedeutet im übertragenen Sinne, machen zu können, was man will. „Negativ“ heißt hier nicht automatisch „schlecht“, sondern, dass die Freiheit negativ definiert wird, als Abwesenheit von etwas. Man ist frei von Unterdrückung und Kontrolle anderer. Beispielsweise hat ein Bürger eines demokratischen Staates keine Einschränkungen, was das Wählen angeht. In einem demokratischen Staat darf jeder die Personen oder Parteien wählen, die er oder sie möchte. Jeder kann außerdem seine Meinung frei äußern, seinen Beruf frei wählen und auf Reisen gehen. Negative Freiheit bedeutet das Fehlen von äußeren Hindernissen, da es beispielsweise nichts und niemanden gibt, der einem das Recht auf freie Meinungsäußerung entziehen kann. Wichtig zu verstehen ist, dass das Fehlen von äußeren Hindernissen bedeutet, dass man nicht blockiert wird. Es garantiert nicht, dass moralisch richtig oder klug gehandelt wird.
Positive Freiheit bedeutet, dass man frei ist, wenn man selbst entscheiden kann, was richtig ist. Es bedeutet, dass man sich nicht von Trieben, Machtgier, Willkür oder Ängsten lenken lässt. Man handelt aus eigener Einsicht und Verantwortung. „Positiv“ bezieht sich hier ebenfalls nicht auf den Wert „gut“ oder „schlecht“, sondern auf die Definition. „Positiv“ heißt hier, dass Freiheit nicht durch Abwesenheit von etwas, sondern durch das Vorhandensein von etwas bestimmt wird. Es bedeutet, dass etwas da ist, nämlich die Fähigkeit, sich eigenständig und bewusst für das Richtige zu entscheiden und auf das Falsche aktiv zu verzichten. Wenn sich eine Person beispielsweise aufrichtig und fair verhält, obwohl sie betrügen könnte, zeigt sie damit innere Freiheit. Aber wenn ich doch so große Macht habe, dass ich viele unterdrücken und sie von meiner Meinung überzeugen könnte, warum sollte ich denn darauf verzichten? Die Antwort liegt in der Verantwortung, welche untrennbar mit der Freiheit verbunden ist. Sie bedingen sich gegenseitig, denn je mehr Freiheit ein Mensch hat, umso mehr trägt er auch Verantwortung für sein Handeln. Und umso mehr Verantwortung ein Mensch hat, umso mehr Freiheit hat er. Selbst wenn man die Möglichkeit hat, andere zu unterjochen und sie ihrer Freiheit zu berauben, sollte man verantwortungsbewusst sein und zum Vorteil aller handeln. Denn jeder Mensch sollte gleichberechtigt sein und die Möglichkeit haben, seine Freiheit auszuleben. Verzicht auf Unterjochung ist also kein Verlust an Freiheit, sondern, ganz im Gegenteil, die höchste Form der eigenen Freiheit. Betrachtet man das Zitat nun unter Berücksichtigung dieser beiden Begriffe, wird deutlich, dass dort die Freiheit nicht als bloße Abwesenheit von etwas definiert wird. Das Zitat stellt genau diese klassische Auffassung von Freiheit, „ich darf machen, was ich will“, in Frage. Viele Menschen glauben, dass sie frei sind, wenn sie genug Macht haben, um zu tun, was sie wollen. Aber ist das immer noch Freiheit oder schon Herrschaft? Die negative Freiheit kann schnell dazu führen, dass Menschen genau diese Freiheit missbrauchen, um andere zu unterjochen. Wirklich frei ist der Mensch nach dem Zitat erst, wenn er auf diese Möglichkeit verzichtet und richtig handelt, auch wenn er es theoretisch nicht muss. Dies entspricht der positiven Freiheit, der Freiheit zur Selbstbestimmung und moralischer Verantwortung.
Ein Beispiel für eine solche Haltung findet sich bei Nelson Mandela wieder. Er wurde während der Apartheid, also der damaligen Trennung zwischen „weißen“ und „farbigen“ Menschen, 27 Jahre in Südafrika inhaftiert, weil er sich gegen das rassistische System der Rassentrennung stellte. Nach seiner Freilassung 1990 und seiner Wahl zum Präsidenten 1994 hätte er die Macht gehabt, sich an seinen früheren Gegnern zu rächen oder sie selbst zu unterjochen. Doch er entschied sich klar dagegen. Anstatt seine Macht auszunutzen, um anderen zu schaden, handelte Mandela fair und aus der Überzeugung heraus, dass wahre Freiheit im Verzicht auf Herrschaft und Unterjochung liegt. Er setzte sich für Frieden und Versöhnung ein und verkörperte damit genau die Form von Freiheit, die im Zitat beschrieben wird: eine Freiheit die in Verantwortung, Verzichten und Selbstbegrenzung liegt. Für seine Taten wurde Nelson Mandela ein Jahr vor seiner Präsidentschaftswahl, zusammen mit Frederik de Klerk, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
So zeigt sich, dass wahre Freiheit nicht in grenzenlosem Handeln besteht, sondern in der Fähigkeit, bewusst auf Macht und Unterdrückung zu verzichten.
